Bericht von EL-FEM-Konferenz (23.-25. Oktober 2015, Wien)

Bericht von EL-FEM-Konferenz (23.-25. Oktober 2015, Wien)

Neben Veranstaltungen im Rahmen der Sommeruniversität der EL, öffentlichen Stellungnahmen (u.a. zum Weltfrauentag) organisiert das feministische Netzwerk der EL jährlich eine Konferenz mit wechselnden Schwerpunkten.

Geplant und durchgeführt von Hilde Grammel (KPÖ, EL-FEM) und Birge Krondorfer (Frauenbewegung, EL-FEM), finanziert von der EL, fand die diesjährige Konferenz mit Teilnehmerinnen aus Dänemark, Finnland, Griechenland, Kroatien, Moldawien, Portugal, Deutschland und Österreich in den Räumlichkeiten der feministischen Bildungsstätte Frauenhetz in Wien statt.

Neben der Präsentation von feministischen Initiativen vor Ort und einer Führung durch das Kleinstmuseum zu Margarete Schütte-Lihotzky (1897- 2000), der kommunistischen Widerstandskämpferin und weltbekannten Architektin (Stichwort: Frankfurter Küche) sowie dem Besuch eines Vortrags von Vandana Shiva, die zufällig in Wien gastierte, setzten wir uns mit zwei der größten Herausforderungen unserer Zeit in Form von Referaten, vorbereiteten Statements und Länderberichten auseinander. Es ging um links-feministische Perspektiven auf den Klimawechsel und die (sogenannte) Flüchtlingskrise.
 

Beide Krisen sind, pointiert formuliert, der männlichen Suprematie im Verbund mit dem imperialen ausbeuterischen kapitalistischen System geschuldet, das bis in die kleinsten Fasern der menschlichen Existenz und Natur nicht nur hineinwirkt, sondern diese auch zerstört. Es herrscht ein globalisierter Krieg gegen (nicht nur unmittelbar betroffene) Menschen und das, was wir anthropozentrisch Umwelt nennen. Westliche Philosophen wie Descartes haben ein dualistisches und mechanistisches Denken in die Welt gebracht, dessen Zuordnung von Geist über Körper, Kultur über Natur, Mann über Frau, Europa über die Kolonien den scheint‘s unendlichen Zugriff auf den subordinierten Part legitimieren. Die positivistische Einstellung zu Produktivität, Arbeit und Wachstum, die auch vom herkömmlichen Marxismus getragen wird, hat bereits verheerende Konsequenzen für den globalen Süden, weshalb von dort die meisten Alternativkonzepte kommen. Die Linke muss von traditionellem ökologischen Wissen lernen, denn mit den ‘Mitteln des Meisters, lässt sich das Haus des Meisters’ nicht verändern. Dazu gehört in erster Linie eine Dekolonisierung unseres patriarchal geprägten Bewusstseins, wozu z.B. eine Wendung zur ökologische Geschenk- statt Tauschökonomie notwendig wäre. Indigene Menschen aus dem Norden und Frauen aus dem Süden haben Kenntnisse von und Erfahrungen mit einem nachhaltigen Naturverständnis.

Und welches Verständnis hat Europa vom Menschen? Angesichts geschlossener Grenzen, wartender Menschen und einem Todesmeer fühlen wir uns macht- und hilflos. Hannah Arendt hatte über die Rechtlosen geschrieben, dass deren Notlage nicht ihre Ungleichheit vor dem Gesetz ist, sondern dass kein Gesetz für sie gilt. Die Grenzen der europäischen Nationalstaaten und damit der Begriff des Nationalstaats muss überdacht werden, weil jeder Mensch ein Recht auf den Status eines politischen Subjekts hat. Die feministischen Intersektionalitätstheorien können hier weiterhelfen, da sie Erfahrungen von Migrantinnen mehrschichtig reflektieren; ökonomische, vergeschlechtlichte und rassistische Unterdrückungsmechanismen bestimmen deren Lage. Letzteres Motiv bestimmt auch die Mainstreamdiskurse rund um die männliche Überproportionalität der Flüchtlings‘ströme’.
In der Tat steht das Verhältnis in etwa 70:30, was auch den lebensgefährlichen Flüchtlingsrouten und daher der europäischen Politik geschuldet ist, aber es wird ein Bild vom ‘orientalischen Mann’ verbreitet, das als kultureller Rassismus zu bezeichnen ist. Der Westen fühlt sich wie in kolonialistischen Zeiten als zivilisatorisch überlegen, der Mann aus dem Osten ist entweder frauenfeindlich und bedrohlich oder er wird als Feigling feminisiert. Diese Leute, so der Tenor, gehören nicht zu uns, sie müssen ausgeschlossen oder verändert werden. Zu den Hauptanliegen feministisch-kritischer Reflexionen gehört die Dekonstruktion von Ausbeutungs-, Unterdrückungs- und Ausschließungsmechanismen. Zur Erfindung einer Weltgesellschaft mit menschlichem Antlitz sind die feministischen Erkenntnisse unabdingbar.

Am letzten Tag fand das alljährliche interne Treffen der anwesenden Mitglieder des Netzwerkes statt, um Ideen für das kommende Jahr zu sammeln und um das neue Koordinierungsteam (Hilde Grammel, Österreich; Katerina Papatheodorou, Griechenland; Riikka Taavetti, Finnland) zu wählen. (Kontakt: hilde.grammel@aon.at)

Abschließend lässt sich nur betonen, dass links-feministische Kritiken polyperspektivisch sind und ihre widerständigen Stimmen in der europäischen Politik dringend benötigt werden. Ohne diese gibt es keine Alternativen. Würden sie denn gehört!

Birge Krondorfer (Österreich)